Rezensionen

August 2025

Philipp Létranger: Ich wollte nie gezähmte Verse sprechen ein Lesebericht zu I. J. Melodias Gedichtband "Polaritäten":

I. J. Melodias Debutband ist 2024 bei Geest erschienen. Die Bilder zum Buch hat Bastian Kienitz beigesteuert. Es enthält fünf Kapitel, welche die Sprache des Autors begründen, und die gleichzeitig ein Ertasten der eigenen Identität im Spiegel der Welt abbilden, sagt Sigune Schnabel im Klappentext. Mir fällt auf: diese Gedichte sind neugierig und machen neugierig. Sie schreiben sich ferne Welten nah an die eigene Haut.

Das erste Kapitel "Jugendjahre meiner Worte" spiegelt die Suche nach der eigenen Sprache, eine Aufgabe, der sich Autoren seit Jahrtausenden widmen. Die gewohnte Sprache verstoßen, um eine neue finden zu können - tun das nicht alle, die aufbrechen, um zu schreiben? Entlang der Äste / zu den Wurzelknochen / unter meiner Rindenhaut / bis zu den Riffen (aus " Kiemenatmung des Waldes"), eine Wegbeschreibung, die über sich hinausweist.
Das zweite Kapitel "Der Nebel in mir" ist thematisch nicht leicht zu fassen. Tage tragen blau / an unsrer Bürde / legen sich aufs Land / wie der Mantel des Schweigens (aus "Dreizehn Monate"). Im dritten Kapitel "Spiralgalaxien" geht es um die Liebe, auch um die romantische Liebe. Ja, sie lebt, zumindest in der Erinnerung des Dichters. Lust und Schmerz liegen nah beieinander auch in den Gedichten Melodias. Durch Mandellippen fließt / süße Milch in das leere Flussbeet / zwischen Rippen und Kalkstein / Samen gestreut in die Schneeschmelze (aus "Ich trinke Schatten eines betörenden Rots" ). In Kapitel Vier "Tinte fällt unter die Haut" kann ich spüren, wie nahe dem Lyriker das geschriebene Wort geht. ... Gedichte // sie schälten sich aus der Stille / und die Tinte / floss unter die Haut (aus "Ich beschwor Gedichte"). Im fünften und letzten Kapitel "Schnittmuster/Gedanken" zwei Gedichtzyklen in denen der Autor sich mit mystischen Systemen und Sprachwelten auseinandersetzt. Spannend zu lesen, wie er sich darin verortet.

Der Titel des Gedichtbands "Polaritäten" und die große Anzahl von Gedichten, die Titel tragen wie Aphelium, Parusie, Exuvie, Halokline ... , zeigt, dass Melodias Sprachwelt sich nicht mit der Natur oder dem Alltag begnügt. Vielmehr geht er auf spannende Erkundungswege durch verschiedenste Themengebiete der Mystik, Metaphysik und Naturwissenschaften. Hilfreich, wenn man als Leser keine Scheu hat, Nachschlagewerke zu benutzen.
Was mir beim Lesen von Melodias Lyrik besonders auffällt: Er liebt spannungsvolle Bilder. Wer jetzt Appetit bekommen hat, der kaufe diesen Gedichtband. Spannende Gedichte, Liebesgedichte, dunkle Gedichte - der Tisch ist gedeckt. (Ich hänge noch ein paar an,) weil sie besser sagen, was sie sind, als ich es kann.


November 2024

Sybille Fritsch-Oppermann mit I.J. Melodia* für die Repräsentanz NRW und alle Neugierigen

 

AUSZUG:

Fünf sehr unterschiedliche Kapitel (Jugendjahre meiner Worte, Die Nebel in mir, Spiralgalaxien, Tinte fällt unter die Haut und Schnittmuster/Gedanken), die aber einiges gemeinsam haben:

 

Die Suche nach einer möglichen Verbindung von Vertikale und Horizontale, von Linie und Kreis, von Jetzt und Immer.

 

Und auf dieser Suche lässt Melodia die Worte zu Wort kommen. Und in ihren Jugendjahren klingen sie oft nach Meer und Sand, nach Verlust und neu Ankommen (müssen). "Dieses Meer hat keine Küsten" heißt eines der Gedichte in Teil 1 des Buches.

 

Die Beschreibungen von und Bilder der unumgänglichen Häutungen und Schuppungen gehen dabei wortwörtlich durch Mark und Bein, Haut und Knochen - bis aufs Blut. Die Fragen nach Sinn und Sünde werden Gestein und Metall abgeschürft und abgeschorft. Und eine Annäherung an Wirklichkeit (vor metaphysischen Metaphern und Wahrheitsansprüchen scheut diese Lyrik zurück) geschieht meistens im Zwiegespräch, auf Augenhöhe mit allem, was die Welt zu bieten hat. Mit rostigem Metall, mit Aphelien (den sonnenfernsten Punkten von Umlaufbahnen), Beton, Scherben, Libellen, Aaskäfern (Silphidae) und immer wieder Meer und Sand.

 

Leicht macht es der Autor den Lesenden nicht; jedenfalls nicht, wenn sie Andeutungen und Doppeldeutigkeiten alle entziffern, die Querverweise in die Welt der Kunst und der Natur alle finden wollen.

 

Viele Menschen treten nicht auf in diesen Gedichten. Ecce Homo - ein Mensch auf der Suche nach Sinn und Sich - und - einem Alter Ego: "So vergehen Tage und Nächte" / mit einem stummen Echo / und Grünspan auf der Haut" (S. 95). "Trage deine Stimme / noch immer in den Taschen / drehe sie auf links / Sie fällt mir ins Wort / ohne etwas zu sagen" (Seite 88)

 

 

Faszinierend die sprachlichen Figuren, mit denen Melodia um eine Annäherung an Unsagbares ringt - Zeilensprünge, Satzbrüche, Enjambements, Sprachspiele und Paradoxien auch; Synästesien längst nicht nur als rhetorisches Sprachmittel, Ausdruck auch sich verzerrender und überlappender Wirklichkeits- und Wahrnehmungsschichten - Lyrik als Onamantie und Mathematik?