Cogito, ergo sum periculosus

Ich bin Anarchist. Wer jetzt noch weiterliest ist entweder neugierig oder konnte sich des gängigen Vorurteils erwehren, nach dem Anarchisten chaotisch, faul, ständig besoffen und gewalttätig sind, während sie am Bahnhof sitzen um Passanten anzuschnorren. Dieses Klischee trifft auf das Bild die einige von Punks haben, die zwar in der Tat oft ein aufgesticktes, großes „A“ auf ihrer Kleidung tragen, aber erfahrungsgemäß sind sie selbst dem Vorurteil erlegen und somit der eigentlichen Bedeutung von Anarchie nicht gewahr. Ein Kreislauf.

 

Dieses negative Bild ist historisch und politisch zu erklären. Denn ab Ende des 19. Jahrhundert kam der Gedanke von „der Propaganda der Tat“ auf, der in diverse Attentate seinen Ausdruck fand. Diese wurden jedoch stets von Einzeltätern oder kleineren Gruppen verübt und hatten nie die Unterstützung der ganzen Bewegung. Viele dieser Anschläge könnte man heute einfach als Rachehandlungen abtun, da sie meist Reaktionen auf Massenentlassungen, Polizeigewalt und ähnliches waren. Gewalt erzeugt Gegengewalt, bzw. auf Aktion folgt Reaktion, um es weniger brachial auszudrücken.

Für den Anarchismus war es nur dumm, dass viele der Attentate erfolgreich waren oder zumindest bekannte Persönlichkeiten zum Ziel hatten, unter anderem Könige und Präsidenten. So wurde beispielsweise der französische Präsident Carnot 1894 erstochen und auch Elisabeth von Österreich-Ungarn, besser bekannt als „Sissi“, fiel 1898 dem Messer eines Übermotivierten zum Opfer. Daraufhin kam es unter anderem zu einer Konferenz gegen den Anarchismus und zur Überwachung von bekannten Anarchisten, während Parteien, Politiker und Staaten selbst Angst und Propaganda so weit schürten, dass auch unschuldige verurteilt und hingerichtet wurden. Wie bereits beim Haymarket Riot 1886 und bei Sacco und Vanzetti, die beide 1927 auf dem elektrischen Stuhl kamen. Es sind wohl die bekanntesten, politischen Justizmorde, die weltweit für Entrüstung und Demonstrationen gegen die USA sorgte. Fast wie heute.

Nun sollte man eigentlich meinen, dass nach all den Jahren und in unserem modernen, gebildeten Zeitalter, dieses verzerrte Bild wieder zurechtgerückt wurde. Dem ist aber nicht so, ganz im Gegenteil. Jeder setzt Anarchie mit Zerstörung und Chaos gleich. Dabei bedeutet Anarchie lediglich die Abwesenheit von Herrschern und mal ehrlich, wer wünscht sich nicht auch hin und wieder, die politischen Holzköpfe würden mitsamt ihren Termiten von dannen ziehen!? Man hat den Eindruck, dass diese Angst so tief in den Menschen verankert ist, dass der Vergleich so leicht wie das Atmen fällt. Den Begriff für dieses Chaos, den alle suchen, ist allerdings die „Anomie“; ohne Gesetz, ohne Ordnung! So ähnlich wie der Bundestag, wenn er ein Meldegesetz durchdrückt.

Denn allmählich bekomme ich wahre Zustände, wenn ich so Redewendungen wie „in Chaos und Anarchie verfallen“ lese oder höre. Mal abgesehen davon, dass es dasselbe wäre und daher semantisch redundant. Würden solche Sätze ausschließlich bei irgendwelchen Stammtischreden fallen, wäre es mir noch relativ egal. Aber man findet diesen Fehler überall wieder, egal ob in einem Buch über die Geschichte Italiens, das sich ansonsten wie das Fremdwörterlexikon liest, in der Serie "The Big Bang Theory", die eigentlich für ihre wissenschaftliche Exaktheit bekannt ist; noch dazu wenn es Supergenie Sheldon mehrfach von der Zunge fällt. Sogar in Dokumentationen über Asteroiden wird von „Chaos und Anarchie“ gesprochen. Und das sind bei Leibe nicht alle Beispiele dieses inflationären Missbrauchs!

Ist es so schwer, vorher die Fakten zu klären? Oder sind sie zu faul? Gerade durch eine so erfolgreiche Serie wie "The Big Bang Theory" wäre es doch möglich gewesen, diesen in den Köpfen verankerten Trugschluss zu korrigieren! Mal abgesehen davon, dass ich mich angesichts der aktuellen Weltpolitik ohnehin frage, wovor die Menschen noch Angst haben? Kapitalismus, Ausbeutung und Finanzkrise. Das sind rosige Aussichten. Ja es geht schlimmer, aber das sind Staatssysteme, die von sich nicht behaupten, demokratisch zu sein. Und wenn doch, ist das die Höchstform von Zynismus und Menschenverachtung. Deutschland ist ein freies Land, in dem wir Meinungsfreiheit usw. genießen. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre finde ich alles andere als positiv: Fingerabdrücke im Pass, Gesichtserkennung, Kameras an jeder zweiten Ecke und jetzt das Meldegesetz. Ich habe nichts zu verbergen, aber wohlfühlen sieht anders aus.

Das Wahlsystem ist auch so ein Thema. Alle vier Jahre dürfen wir unter vorausgewählten Kandidaten, die meist den Sympathiegehalt einer fauligen Kastanie haben, ein Kreuz setzten, worauf diese dann nach eigener Moralvorstellung und Fraktionsdisziplin handeln. Und wohin das führt, brauche ich hier hoffentlich nicht aufzählen. Die Nachrichten und die Geschichte sprechen für sich. Dabei ist es mittlerweile vollkommen egal, in welcher Partei man seinen Blödsinn treibt. Die Unterschiede sind nur noch marginal. Oder hätte jemand von euch der CDU zugetraut die AKWs abzuschalten? Man muss flexibel bleiben. Wer braucht da schon feste Überzeugungen? Die Dogmen sind Geld und Macht.

Vielleicht sehe ich das zu schwarz oder radikal. Aber ich befürchte nicht. Anarchie wäre in meinen Augen die/eine Lösung. An dieser Stelle werde ich dann oft darauf hingewiesen, dass eine Anarchie nicht umsetzbar wäre, da es unvorstellbar ist, dass sich alle Menschen auf eine tatsächliche Basisdemokratie einigen. Das finde ich schon traurig genug, aber andere Voraussetzungen sind eine Grundbildung und ein ethisches Selbstverständnis, was ich in Zeiten von Talkshows, Supernanny, Klingeltonwerbung und sprachlichen Auswüchsen wie „du Opfer“ und „Geiz ist geil“ leider nicht sehe. Wie sollen da Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Selbstverwaltung auch nur ansatzweise einen Weg finden? Freiheit und Selbstbestimmung werden mit Geld gleichgesetzt, die Gleichberechtigung haben wir natürlich schon längst und wer übernimmt schon gern Verantwortung? Also überlassen wir das den Speziallisten in Berlin. Fast alle Juristen. Und wie sagte bereits Ludwig Thoma: „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand“.

Aber wäre eine Anarchie wirklich eine Utopie? Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet, dem empfehle ich einen kurzen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen. In Teilen Spaniens und der Ukraine war sie Wirklichkeit. Während des Spanischen Bürgerkrieges wurde das Gebiet des heutigen Kataloniens anarchistisch geführt, frei nach dem Motto „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Es gab nicht mal Geld. Trotz Krieg, Armut und Lebensmittelknappheit gelang eine beträchtliche Steigerung der Produktion in allen Bereichen. Doch durch die Einmischung der Kommunisten, den vermeidlich Verbündeten und später durch den Sieg General Francos 1939, der nur mit Hilfe von Hitler und Mussolini gelang, konnte das Gebiet nicht gehalten werden. Tausende wurden erschossen, inhaftiert oder als „Terroristen“ gebrandmarkt.

Ähnliches geschah einige Jahre zuvor in der Ukraine während des russischen Bürgerkrieges. Eine Partisanen- und Bauernbewegung mit anarchistischer Ausrichtung verbreitete sich zügig über den Südosten des Landes und konnte ähnliche Erfolge aufweisen wie später die Gesinnungsgenossen in Katalonien, obwohl man unentwegt gegen die zarentreue Weiße Armee kämpfte. Als die Bolschewiki ihre Macht in Russland gefestigt hatten, wandten sie sich 1922, wie auch später in Spanien, als vermeidliche Verbündete, gegen die Anarchisten. Diese wurden auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion vernichtet oder vertrieben.

Es mag schon sein, dass die Gebiete weder so groß waren wie das heutige Deutschland, noch die Menschenmenge beherbergte. Aber dies sind die einzigen Argumente, die ich als „Schwierigkeiten“ für eine Umsetzung durchgehen lassen würde. Aber davon sind wir (leider) ohnehin weit entfernt, um nicht zu sagen, dass wir politisch eher in die entgegengesetzte Richtung rennen. Nicht mal zwingend bewusst, aber Linke werden polizeilich überwacht, während der Verfassungsschutz die NPD finanziert. Irgendwas läuft hier vollkommen verkehrt.

Mir würde es schon reichen, wenn die Menschen sich wenigstens die Mühe machen würden, den Begriff „Anarchie“ nicht mehr zu schänden. „Anomie“ ist genau so kurz und korrekt. Wort, Begriff und Bildung bilden gemeinsam eine Entität, mit der man sich nicht nur Gehör verschaffen, sondern auch Fehler aufweisen kann.

Ob ihr in die Kästchen des Wahlzettels ein Kreuz macht, ein großes „A“ hineinschreibt oder es mit rosa Einhörnern bemalt: Es wird sich erst was ändern, wenn die Menschen mitdenken und sich für die Geschehnisse um sie herum interessieren.

Also bitte denkt nach der neuen Folge "Frauentausch" oder dem nächsten McDonalds-Besuch daran, den Geist auch andere Dinge konsumieren zu lassen.

Ich denke, also bin ich gefährlich.