Erstschlag gegen die Häresie

Greift zu den Mistgabeln und Fackeln! Schlagt die Blechtrommeln! Verbrennt den Hexer! Ketzerei und Blasphemie!
Ein wahrer Volkssturm der Entrüstung wütet in Deutschland, doch nicht etwa auf Grund politischer, sozialer Ungerechtigkeit oder aufgrund des nächsten, besserverdienenden Managers, der sich mit seinen Milliönchen aus dem Staub gemacht hat und nur noch verbrannte Erde überlässt. Nein. Soweit würden Deutsche niemals gehen. Der revolutionäre Funke scheint lange erloschen zu sein. Nicht so, wenn sich die üblichen Moralapostel und der Springer-Verlag auf tun, um einen Text; ein Gedicht und dessen Autor zu diffamieren.

Gut, was der Herr Grass da verfasst hat, mag eine etwas einseitige und ungenaue Sichtweise sein und mit Sicherheit alles andere als ein Gedicht. Eher ein politisches Pamphlet, dem versucht wurde, das verschleiernde Gewand der Lyrik überzustreifen. Des Weiteren kann man ihm vielleicht eine gewisse Egomanie unterstellen, wenn er sein Werk direkt an großen Zeitungen Europas schickt. Im Nachhinein aber vielleicht doch ein geschickter Schachzug! Welche Zeitung würde schon den lyrischen Kommentar eines Nobelpreisträgers zu einem hoch brisanten und aktuellem Thema nicht drucken? Hätte das ein Unbekannter in einem YouTube-Video veröffentlicht, hätte kein Hahn danach gekräht. Doch jetzt spricht jeder davon, wenn meist doch negativ. Aber warum?

Ich bin nicht gerade ein Liebhaber seiner Werke, doch wenn Günter Grass einige wahre Punkte anspricht, toben die Hüter der Sittlichkeit. Wie ich finde zu Unrecht! Das Thema ist, wie bereits erwähnt, bei weitem komplexer und komplizierter als im „Gedicht“ geschildert. Also fangen wir von vorne an:

Im Laufe des Ersten Weltkrieges eroberten die Briten weite Teile des Nahen Osten, welche zum Osmanischen Reich gehörten, ein Verbündeter der Deutschen und Österreicher. Bereits im Dezember 1917 erklärte sich Großbritannien durch die „Balfour-Deklaration“ damit einverstanden, in Palästina einen jüdischen Staat zu errichten. Danach übernahm die Regierung ihrer Majestät erst einmal das Mandat für die gesamte Region und versuchte, sich eine sinnvolle Lösung einfallen zu lassen. Da kamen ihr aber auch schon Hitler und seine perfide Judenverfolgung in die Quere. Moderne Inquisition!

Nach dem Prinzip „jetzt erst recht“ und dem durchaus angemessenen Mitgefühl für die Leiden in der Diaspora, wurde der UNO die Entscheidung überlassen. Ende 1947 wurde schließlich die noch etwas vage gehaltene Resolution zu Bildung des Staates Israel angenommen. Die Mehrheit der UN-Staaten war für die Bildung eines einzigen Landes, indem sowohl Juden als auch Muslime gleichberechtigt gewesen wären, berücksichtigten jedoch nie das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung. Denn bereits in den 20er Jahren gab es Proteste und Übergriffe, da sich die Araber bereits ihres Landes beraubt sahen. Gefragt wurden auch nicht sie, sondern nur ihre Nachbarstaaten, die alle gegen die Gründung Israels waren. Doch die Demokratie funktioniert nun mal anders und somit stimmte die Mehrheit dafür. Unter anderem auch Länder wie Australien und Kanada. Die sind ja auch entfernt genug vom Krisengebiet. Da kann es einem egal sein, nicht wahr?

Und bevor ich jetzt ebenfalls vom wütenden Mob als Antisemit bezeichnet werde, der Israel seine Existenzberechtigung abspricht. Nein, das tue ich nicht, aber Israel muss sich nicht wundern, wenn es Leute gibt, die dieser Meinung sind! Ich möchte lediglich aufzeigen, warum es in der Region brodelt und noch eine Schattenseite der europäischen Kolonialherrschaft darlegen. Denn das Erste, was sich die Briten in ihrem Mandatsgebiet von Palästina, Jordanien, Kuwait bis zum Irak unter den Nagel rissen, waren die Ölfelder. Die Franzosen machten dasselbe im Libanon und in Syrien. So viel zum Thema. Es geht seit dem Ersten Weltkrieg immer nur um das Öl in der Region. Oder warum duldet die westliche Hemisphäre wohl sonst die saudi-arabische Regierung? Despoten, Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung von Kritikern. Aber solange das Öl weiterhin schön billig fließt, drückt man gern mal ein Auge zu.

Israel wurde direkt nach Ausrufung und Ende des Schutzmandates 1948 von seinen arabischen Nachbarstaaten angegriffen. Seitdem wird es von den USA und mittlerweile auch von der EU militärisch unterstützt. Anders wäre es vermutlich schon vor geraumer Zeit besiegt worden. In den folgenden Jahrzehnten wurde es in mehrere Konflikte und Kriege mit seinen Nachbarn verwickelt. Natürlich sieht sich das Land also ständig bedroht und verteidigt seine Grenzen mit allen Mitteln. Auch deshalb und aus Sorge vor dem neuen, radikalen Iran im Jahre 1979 wurde in Israel kurz darauf die „Begin Doktrin“ ins Leben gerufen, die es jedem anderen Staat im Nahen Osten untersagt, Massenvernichtungswaffen zu besitzen. Deshalb zerbombten israelische Flugzeuge 1981 den irakischen Reaktor „Osirak“ und 2007 ein AKW in Syrien. Schön, immer auf der Seite der Guten zu sein.

Wenn Günter Grass also schreibt, das er sich Sorgen um einen Erstschlag macht, ist das zumindest theoretisch nicht unberechtigt, zumal Geheimdienste der Meinung sind, dass der Iran spätestens 2014 eine Atombombe besitzen wird. Und wer würde es dann noch wagen, sich mit den Ayatollahs anzulegen? Da gibt es ein anderes, kleines Land am Ende der Welt, das fast vollständig unbehelligt machen kann, was es möchte. Ja, Nordkorea. Ihre Bombe ist bestätigt. Gut, da gibt es aber auch kein Öl zu holen. Die USA haben sich übrigens schon mal geschickt in Position gebracht: Irak, Afghanistan, Saudi-Arabien, Israel. Wieso nur fühlt sich der Iran ebenfalls bedroht?

Die Beschuldigung der „Heuchelei des Westens“ ist berechtigt! Israel wird von allen Seiten, wenn nötig „bis aufs Blut“ verteidigt, gleichzeitig besitzt der Iran aber über britische, französische, amerikanische und vermutlich auch russische Waffensysteme. Man möchte ja kein lukratives Geschäft auslassen. Der Iran hat definitiv mindestens ein AKW und ich glaube den Machthabern auch kein Wort, wenn sie versichern, dass sie nicht planen eine Atombombe zu bauen. Ausflüchte und Lügen. Denn niemand will, dass der Iran über eine solche Waffe verfügt; also wird mit allen Mitteln Zeit gewonnen.

Dass der Iran einen Erstschlag plant, halte ich für so wahrscheinlich wie den sofortigen Weltfrieden. Mahmud Ahmadinedschad mag geisteskrank sein, aber nicht blöd. Das einzige, was er momentan damit bezwecken würde, wäre eine weitere amerikanische Invasion im Nahen Osten und das Ende der Ayatollahherrschaft. Außerdem ist die Auslöschung Israels seit über 30 Jahren iranische Politikrhetorik. Die können gar nicht mehr anders. Ebenso wenig wird Benjamin Netanjahu einen Präventivschlag wagen. Es sei denn, er nimmt tausende Tote auf Grund neuer Anschläge durch Hisbollah und Hamas in Kauf. Und so sicher sitzt er nicht im Regierungssattel. Aber vor allem wird deshalb nichts geschehen, weil das von beiden Seiten nur die hohle Phrasendrescherei zweier extrem konservativer Politiker ist, denen ein Wahlkampf bevorsteht. So mehr oder weniger zumindest.

Netanjahu ist momentan nicht sonderlich beliebt und muss Punkte im Volk sammeln. Was eignet sich da besser, als den alten Feind verbal zu attackieren? Im Iran von Wahlen zu sprechen ist gewagt, ich weiß, aber es existiert ein interner Machtkampf und Anfang März fanden Parlamentswahlen statt; mit vorher sorgfältig ausgesuchten Kandidaten versteht sich. Ahmadinedschad Macht ist dennoch in Gefahr, da er sich erst vor kurzem mit dem religiösen Führer des Irans angelegt hat. Und dann kommt noch das nächste Land ins Spiel, in dem auch dieses Jahr wieder Not gegen Elend zur Wahl antreten: die USA.

Die republikanischen Herausforderer Obamas unterstellen ihm alle, eine zu weiche Nahost-Politik zu betreiben und den Verbündeten Israel nicht ausreichend gegen die drohende Vernichtung zu unterstützen. Unter ihrer Regierung würde es so etwas nicht geben. Proleten im Wahlkampf. Faszinierend finde ich diese Aussagen vor allem deshalb, weil der Präsident vor kurzem in einer Rede Israel noch jeglichen Beistand zusagte, zur Not auch Militärischen. Ja, auch als Friedensnobelpreisträger und Terroristenschreck darf man sich keine Blöße geben. Alles wie ein Haufen pubertärer Jungs, die wissen wollen, wer den Größten hat. Man könnte fast darüber lachen, wenn es nicht so verdammt traurig wäre, das solche Gestalten über Menschenschicksale entscheiden!

Aber was interessiert uns in Deutschland das Weltgeschehen, wenn sich ein ehemaliger, unfreiwilliger, SS-Soldat Sorgen macht? Schön finde ich, dass Grass in seinem Werk bereits die Befürchtung äußerte, dass er für seine Gedanken in Kombination mit seiner widerwilligen Vergangenheit als Judenhasser abgestempelt wird. Irgendwie traurig, wenn er Recht hat, oder? Thilo Sarrazin darf Heerpredigten in die Welt schreien, wurde aber noch nie so angefeindet wie Herr Grass. Wer ist da rechter? Herta Müller, eine weitere deutsche Literaturkoryphäe und ebenfalls Nobelpreisträgerin meinte, dass Günter „nicht neutral an die Sache gehen könne. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen.“ Sie muss es ja wissen, nicht wahr? Als Jahrgang 1953. Ihr Vater ist übrigens auch bei der Waffen-SS gewesen. Würde mich interessieren, was sie dazu zu sagen hat. Außerdem mache ich mir mittlerweile ernsthafte Sorgen über der Auswahl der Nobelpreisträger.

In Israel darf man noch die eigene Regierung kritisieren, was angesichts ihrer Siedlungspolitik und dem Bau der Grenzwälle durchaus nötig ist. In Deutschland scheint es nicht jeder tun zu dürfen. Das soll mal der Rest Europas verstehen, wie ein weltweit angesehener Literat im eigenen Land geächtet wird, weil er von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch machte. Und ja, ich rede von der BRD 2012, nicht von der DDR 1970! Und nicht zu vergessen das verhängte Einreiseverbot. Große Weltpolitik! Der Text weist mit Sicherheit in mehrerer Hinsicht Mängel auf, doch regt er auch zum Denken und Recherchieren an. Und da tut die deutsche Geschichte nichts zur Sache! Das ist Gegenwart!

Ich wette, dass sobald alle Wahlen beendet sind, sich der vorherige politische Stillstand wieder einstellen wird. Da weiß man wenigstens voran man ist, wenn niemand bereit ist Kompromisse einzugehen. Dabei wäre genau das in dieser Region endlich ein wahres Zeichen von Größe. Wäre ja noch schöner, wenn im 21. Jahrhundert ein Weltkrieg durch religiöse Spinner ausgelöst werden würde!

Legt also die Mistgabeln weg, löscht die Fackeln und informiert euch erst, bevor ihr das nächste Mal zur Hexenjagd blasen möchtet.

In einigen Monaten ist ohnehin wieder Grass über die Sache gewachsen.

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