Laster, Liturgie und Lieder

Sind das nicht unglaublich tolle Zeiten? Noch nie gab es eine so gute medizinische Versorgung, noch nie eine so große Auswahl an Berufen und Hobbys, noch nie eine derart gigantische Flut an Wissen und Information. Der Mensch hat, größtenteils, seinen Geist befreit. Er hat einen freien Willen, zumeist; glaubt nicht mehr alles. Und genau da kommen die Händler des Glaubens ins Spiel.

Denn anders kann man die Institutionen der diversen „Kirchen“ nicht mehr nennen. Dass Ostern mittlerweile fast genauso verhökert wird wie Weihnachten, dürfte auch schon jedem halbwegs bei Bewusstsein befindlichen Menschen aufgefallen sein. Bis auf die unterschiedlichen Verpackungsformen der Schokolade natürlich! Ein Nikolaus wird niemals ein Hase und umgekehrt! Ich wiederhole mich gerne wieder: Religion und Glaube ja, Kirche nein!

Jetzt ist es aber nun mal so, dass die christlichen Traditionen, noch immer Einfluss in unser alltägliches Leben nehmen. Nach all den Jahrhunderten auch logisch und nicht anders zu erwarten. Allerdings frage ich mich doch, warum der offenkundige säkulare Staat Deutschland so einen Terz daraus macht, dass christliche Gebote, um nicht Dogmen zu sagen, eingehalten werden? Feiertag hin oder her. Dass gläubige Christen die Karwoche und Ostern zelebrieren möchten, verstehe ich durchaus; der Rest profitiert davon, da es offizielle Feiertage sind (noch so ein Streitthema, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr). Aber warum sollte es mir von Staats wegen verboten sein tanzen zu dürfen?

Ich könnte schnell mal eine Ausgangssituation schildern. Sagen wir ein Mittzwanziger, von mir aus männlich, Atheist und musikalisch interessiert, möchte den Abend und die Nacht nutzen, um etwas zu feiern. Trifft sich doch gut, wenn Feiertage sind und er am nächsten Morgen nicht allzu früh raus muss. So schreitet er also in eine Diskothek, um sich zu amüsieren. Blöd nur, dass man da nicht tanzen darf. Denn das Ordnungsamt kommt das auch kontrollieren. Nicht nur einmal! Und nicht immer in Uniform! Ja selbst deutsche Topbeamte sind mittlerweile Meister der Spionage und Tarnung.
Und wehe ein einsamer, betrunkener Depp torkelt dann auf der Tanzfläche umher! Das zieht heftige Geldstrafen für die Betreiber nach sich (von 3.000 bis zu 10.000 Euro) und bei mehrfacher „Missachtung“… der Befehle… kann das auch schon mal die Konzession kosten.

Da wundere ich mich nur, dass man in der „stillen Woche“, der Trauerwoche, zwar nicht Tanzen und als Christ auch sonst keinen Spaß haben darf, aber sich mit Alkohol volllaufen zu lassen scheint in Ordnung zu sein. Da wissen die hohen Herren des Vatikans wohl zu differenzieren.

Dass es mancherorts von Seiten der Kirche nicht gestattet ist sich an diesen Tagen, vor dem Altar trauen zu lassen ist ja vollkommen in Ordnung, aber wenn allen Menschen der Wille der Kirche aufgezwungen wird? Selbst Fernsehsender und Kinos werden überprüft. Die FSK (freiwillige Selbstkontrolle … auch eine grandiose Namensgebung; wer seinen Film nicht kontrollieren lässt, bekommt automatisch die „Freigabe ab 18“. Ganz großes Kino!) darf laut Gesetz manche Filme deren „Charakter diese[n] [stillen] Feiertage[n] so sehr widersprechen, dass eine Verletzung des religiösen und sittlichen Empfindens zu befürchten ist“ nicht freigeben. Eine doch recht vage Formulierung, findet ihr nicht auch?

Aber betrachten wir die Definition: „Das Tanzverbot ist eine aus religiösen, sittlichen oder traditionellen Gründen erlassene Untersagung des Tanzes während bestimmter Zeiten.“ Nun gut, beginnen wir mit „religiös“: Nicht jeder ist Christ, zum Glück, und selbst wenn, ist das heutzutage mit der Religion ohnehin alles etwas schwammig. Vielleicht ist der gute Mensch zwar gläubig, möchte aber dennoch das Leben genießen. Religiös; früher hätte das schon gereicht, um Angst einzujagen, oder?
Weiter geht es mit „sittlich“: Glauben die etwa, die Menschen würden auf der Tanzfläche Orgien und Unzucht veranstalten?! Aber mich würde es nicht verwundern, wenn die erhabenen Würdenträger der Mutter Kirche noch nie tanzen waren. Das ist ein wahrer Hexensabbat, sag ich euch! Im Übrigen galten auch mal Tänze wie Tango, Rock ’n’ Roll und sogar der Walzer als unsittlich. Denen fehlt es an mehr, als nur an Rhythmusgefühl.
Zum Schluss noch „traditionell“: Wer macht denn Traditionen? Wir! Die Masse und nicht ein, zwei in Kleider gehüllte, alte Männer. Traditionen; es gab mal eine Zeit, da musste man mit dem Zorn Gottes und der Exkommunikation rechnen, nur weil man freitags einen kleinen Bissen Fleisch verzehrt hatte. Das war noch eine glorreiche Epoche, das Mittelalter.

Ich finde es erstaunlich, aber man hat das Gefühl, als ob der eiserne Griff der Kirche eher stärker wird. Seit dem Papstbesuch scheinen sich ohnehin viele für neue Propheten zu halten. In Bayern wurde bereits 2008 das Feiertagsgesetz verschärft, wegen „Verrohung der Sitten“! Liebe CSU, redet doch bitte erst mal mit euren kindermissbrauchenden Bischöfen und skandalgebeutelten Parteikollegen über eine „Verrohung der Sitten“. Dann können wir gerne weiter über solch unglaublich unnütze Gesetze diskutieren.

Seit Jahren versuchen einige Organisationen und Parteien dieses Gesetz zu kippen. Ohne Erfolg, denn die Kirche lehnt bereits Gespräche über eine Lockerung ab. Genauso verhielt es sich übrigens mit den verkaufsoffenen Sonntagen, aber für diese, so scheint es, konnten die Politiker kurzfristig ihr Glauben an Gott mit ihrem Glauben an Geld tauschen. Kirche und Politiker: wenn sie wollen, sind sie so flexibel wie Gummi; wobei das unter Umständen eine unpassende Wortwahl ist.

Wäre das Tanzverbot nur für einen Tag, mein Gott, dann würde ich mir nicht mal die Mühe machen, hier etwas zu tippen. Aber hier in Baden-Württemberg sind es drei Tage! Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Vielleicht irre ich mich ja, aber als ich jünger war, gab es das Verbot nur für den Freitag. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Ach ja, am ersten Weihnachtsfeiertag dürfte man eigentlich auch nicht tanzen. Bisher hat da aber noch nie jemand kontrolliert. Da scheint es nicht so schlimm zu sein, wenn man sündigt, oder das Ordnungsamt hat keine Lust bei Eiseskälte vor die Tür zu gehen. Baden-Württemberg hat zusammengefasst 18 Festtage, bei denen es komplett oder nur zeitweise untersagt ist zu tanzen. Meist geht das dann nachts um drei Uhr los; vermutlich auch nur ein Zugeständnis an die Gastronomie- und Tanzbetreiber. Aber es könnte schlimmer sein, nicht wahr, liebe Bayern? Ja, auch hierbei seid ihr Spitzenreiter. Insgesamt habt ihr sogar neun Feiertage mit ganztägigem Tanzverbot. Dafür war es das dann aber auch im Großen und Ganzen.
Schön finde ich auch die Regelung in Niedersachsen für den Allerseelentag (der 2. November; musste auch erst mal nachschauen, was das wieder ist): Da ist es nämlich von 5 Uhr morgens bis Mitternacht verboten sich zur Musik zu bewegen, aber nur wenn man in einer Gemeinde wohnt, die mindestens 40% Katholiken ausweist. Vielleicht hat der Wulff auch hier seine Finger im Spiel. Bescheuerte Gesetze und Beschlüsse scheinen ja sein Metier zu sein.

Zeitgemäß ist das Gesetz definitiv nicht mehr, aber wie können Staat und Kirche sonst noch mal gemeinsam ihre Macht demonstrieren und das aufbegehrende Volk in ihre Schranken weisen? Der Staat sollte sich um wichtigere Dinge kümmern, als seinen Bürgern ihren Glauben einzuprägen. Die Kirche eigentlich auch, sollte man meinen. Vermutlich ist sie doch nicht ganz so unfehlbar, wie man immer dachte.

Aber wer ist das schon? Der werfe den ersten Stein oder soll sich gleich ans Kreuz nageln lassen. Ich für meinen Teil, werde weiterhin freitags Fleisch essen, feiertags tanzen und mich köstlich amüsieren. So ist das Leben.

Der Hase ist für mich gegessen.

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