Mit denen muss man mal Fra(c)ktur reden

Definiere Ironie: Der moderne, hochtechnisierte Westen ist auf die Energievorkommen von ärmeren, rückständigeren Ländern angewiesen. Wir haben die Kohle und die haben das Öl. Große Effizienzdiskrepanzen. Gut, wenn man jetzt die USA ist, kann man sich natürlich überlegen, entsprechende Länder einfach militärisch zu besetzen; wobei einfach auch nicht die richtige Wortwahl ist, wenn man in den Persischen Golf schaut, aber sei es drum. Jedenfalls gibt es auch Leute, die der Meinung sind, man müsse sich von der Ölabhängigkeit lösen. Und da werde ich aufmerksam.

Denn um sich von den herkömmlichen Energiereserven zu lösen, gibt es nur zwei Wege. Der Erste wäre eine umweltfreundliche Variante, die auf regenerative Quellen, wie Sonne und Wind setzt, der Zweite … na ja ... Ihr dürft jetzt mal raten, wofür sich die Spezialisten entschieden haben? Richtig! Für die Wirtschaftlichkeit! Und damit meine ich keine grünen Felder, sondern grüne Scheine.

In den USA werden gigantische Erdgaslager vermutet und, um an diese zu gelangen, bedienen sich die Konzerne der Methode des „Hydraulic Fracturing“ oder kurz „Fracking“. Dabei wird in die Erde gebohrt und mit Hilfe einer hineingepressten Flüssigkeit so unter Druck gesetzt, dass in der erreichten Erdschicht eine Art Mini-Erdbeben erzeugt wird, wodurch sich Risse bilden und mögliche Gase freigesetzt werden. Diese Methode ist zwar nicht neu, da sie bereits Ende der 40er Jahre das erste Mal angewandt wurde, aber dank der modernen Technik (und somit schließt sich der Kreis), kann man sie nun kommerziell erfolgreich betreiben.

Man braucht nämlich jede Menge an Wasser, Sand und Zusatzstoffen für das „Fracking“. So werden bei jeder Bohrung zwischen fünf und 35 Millionen Liter Wasser verbraucht. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass fast jede Quelle bis zu 18-mal „gefrackt“ werden kann. Das entspricht ungefähr 400 bis 600 Tanklaster für die Wasserlieferung. Da stelle ich mir schon mal die Fragen, ob das so toll für die Umwelt ist, wenn da hunderte Sattelschlepper durch die Prärie tingeln und ob es nicht sinnvollere Verwendung für das Wasser gäbe? Ach ja, die Zusatzstoffe. Eigentlich könnte man auch einfach Chemikalien sagen, denn was zu einer Flüssigkeit zusammengeworfen wird, ist schon unglaublich. Da sind enthalten: Gele, damit der Sand besser transportiert wird, Säuren (u.a. Salz-, Ameisen- und Borsäure) zur Lösung der Mineralien, Korrosionsschutzmittel zum Schutz der Technik und Biozide, damit sich keine Bakterien bilden. Insgesamt können bis zu circa 600 Chemikalien enthalten sein. Auch wenn der prozentuale Anteil gering erscheint, sind es in absoluten Mengen mehrere Tonnen Chemie, bei den Wassermassen. Ich bin schon gewillt zu sagen, dass mir hundert Tanklaster mehr lieber wären als das!

Nicht nur, dass die Stoffe in die Erdschichten gepumpt werden, nein, es kommt nur knapp die Hälfte der Flüssigkeit wieder an die Oberfläche und hochexplosiv, der Rest versickert. Die Folge ist kontaminiertes Grundwasser und gefährliche Schlammbecken an der Oberfläche; und teilweise werden diese illegal auf Felder oder in Flüsse entsorgt, wodurch weitere giftige Gase in die Luft steigen und Stoffe in die Erde gelangen. Das Problem der Grundwasserverschmutzung wird von den Bohrkonzernen vehement bestritten, doch es gibt genug Beispiele, die dafür sprechen. Wenn das Wasser aus dem heimischen Hahn von einem Tag auf den anderen plötzlich blubbert und zischt, schlammig aussieht, sich verfärbt, einen metallischen Geschmack hat und oft genug sogar entflammbar ist, dann braucht man wahrlich kein Schnelldenker zu sein, um eine Verbindung zu erkennen. Zumal es bereits mehrere unabhängige Wasseranalysen gab. Von den Gasen mal ganz abgesehen, die u.a. Arsen, Barium und Kadmium enthalten können. Die Benzolwerte um die Bohranlagen liegen bis zu 55-mal höher als erlaubt. Die vom Kohlenstoffdisulfat sogar 107-mal. Da denkt manch einer vielleicht schon über einen Umzug nach Los Angeles nach.

Doch die meisten betroffenen Haushalte sind gezwungen, extra Tanks anzuschaffen und Wasser dafür von außerhalb zu kaufen, da es anscheinend kein allzu großes Interesse von Seiten der Regierung und den Behörden gibt, dieses Problem zu untersuchen. Die Konzerne selbst geben selbstverständlich keinerlei Informationen raus und beschwichtigen die Menschen mit Geld, wenn diese nicht ohnehin schon durch die Knebelverträge zum Schweigen verdammt sind. Denn die Konzerne zahlen durchaus gut, um Grundstücke und Ländereien zu kaufen oder zu mieten. Da ist man als schlichter Farmer schon mal versucht klein bei zu geben.

Doch der Preis ist verdammt hoch und die langfristigen Folgen für Natur und Mensch schwerwiegend. Viele leiden bereits unter Krankheiten und Symptomen, wie Krebs, chronischen Kopfschmerzen, Nervenleiden, Magenbeschwerden und dem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Arbeiter bei den Bohrungen erlitten Verätzungen, als die Flüssigkeit wieder zu Tage trat und Tiere verlieren ihr Fell; kleinere sterben in kürzester Zeit. Hin und wieder explodiert auch ein Wasserbrunnen. So ist halt das Leben.

Trotz alledem ist „Fracking“ eine florierende Bohrmethode. In den USA gab es allein 2008 mehr als 50.000 Bohrungen; insgesamt sind es mittlerweile über 450.000 Gasbohrbrunnen; Tendenz steigend. Es gibt in einigen Bundesstaaten so viele davon, dass man einige hundert Kilometer durch die USA fahren kann und man entlang der Straße fortwährend Bohrtürme sieht. Etwa 90% aller Erdgasbohrungen in den Vereinigten Staaten werden heute „gefrackt“ und die Produktionszahlen steigen seit Jahren konstant um 10%. Da träumen einige Wirtschaften von.

Dabei ist es tatsächlich fraglich, von den ganzen Nebeneffekten mal abgesehen, ob die Methode sinnvoll ist. Klar, durch die ganzen neuen Bohrungen und Funde sinkt der Erdgaspreis und die USA sind unabhängiger vom Erdölimport, aber allein der Aufwand mit dem Wassertransport ist gigantisch und erfordert eine ausgeklügelte Logistik. Außerdem sind die gewonnen Mengen im Vergleich zur herkömmlichen Bohrmethode geringer, wodurch, wie schon erwähnt, mehrmals gebohrt werden muss. Aufwand und Ertrag lassen also mehr zu wünschen übrig und die Gefahren sind größer. Hallo?! Noch jemand zu Hause?! Muss ich mich denn immer unnötig über die Idiotie anderer aufregen?! Aber gut, wenn man weiß, dass George Bush das entsprechende Gesetz unterschreiben hat, wodurch Konzerne fast unkontrolliert in der Erde herumstochern dürfen und Dick Cheney die ganze Sache aufgezogen hat (ja, „seine“ Firma „Halliburton“ liefert Technik usw.), sollte es einen nicht mehr wundern. Das ist die Crème de la Crème der Idioten.

Leider scheint mit dem „Fracking“ auch die Blödheit zu uns rüber zu schwappen. In Deutschland fand die erste Bohrung bereits 1961 statt und seit dem sind ungefähr 300 weitere dazu gekommen. Vor allem Niedersachsen ist davon betroffen. Insgesamt hielt es sich aber in Grenzen, aber wir haben ja seit kurzen einen neuen König der Deppen und der heißt Christian Wulff. Noch als Ministerpräsident erlaubte er ExxonMobile 2009 neue Bohrungen. Spült ja schließlich ein paar Millionen in die Kassen und vermutlich auch in die eigenen Taschen. Kurz darauf gab es aber schon Druck und Proteste. Interessant fand ich übrigens die Aussage der Sprecherin von ExxonMobile, die in einem Interview meinte, dass „Hydraulic Fracturing eine wassersparende Methode sei.“ Der sollte nochmal jemand erklären, was ihre Chefs da machen.

Mittlerweile sind (endlich) auch CDU und FDP für eine genauere Inspektion und Prüfung der geplanten neuen Bohrungen und ExxonMobile kämpft um ihr Ansehen und für Unterstützung. Der Werbespot wirkt zwar eher wie eine Mischung aus großen Lügenmärchen und absoluter Planlosigkeit des Herrn Siebers, aber solange die ihr Geld so vergeuden, ist es mir nur recht. Ich besitze ohnehin keinen Fernseher. Andere Länder, wie Südafrika und Frankreich (die haben ja bereits AKWs in Hülle und Fülle, man muss ja nicht jeden Schwachsinn mitmachen) haben bereits Verbote bzw. Moratorien verhängt.

In Österreich sind zwei Probebohrungen eines Pilotprojektes geplant, dem „Clean Fracking“, dass lediglich Wasser, Stärke und Sand verwendet. Dennoch ist man, zu Recht, skeptisch und muss wohl die ersten Ergebnisse abwarten.
Leider sind nicht alle Länder so einsichtig. Polen träumt vermutlich von Reichtum und Wohlstand und plant deshalb großes für die kommenden Jahre. Die Regierung hat bereits hunderte Bohrkonzessionen verteilt und möchte, gleichzeitig, zwei AKWs errichte.

Eigentlich sollte man meinen, man lernt aus der Geschichte und aus Fehlern. Umso besser wenn es nicht die Eigenen waren. Aber wer nicht hören will, muss fühlen. Blöd nur, dass Deutschland an Polen und Österreich grenzt und selbst noch nicht so recht weiß, was es vom „Fracking“ halten soll.

Wenn es schlecht läuft, haben wir bald zwei Frankfurts mit schlechter Luft, Oder?

Ich trink jetzt erst mal ein Glas Leitungswasser, für meinen vor Wutschreien strapazierten Hals. So lange das noch möglich ist.

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