Hakuna Matata

Eines muss man den Menschen hinter KONY 2012 lassen: Sie wissen, wie man polarisiert und Menschen in ihren Bann zieht. Die Organisation „Invisible Children“ nutzt ihren visuell durchaus gut gemachten Film gekonnt ein, um beim Zuschauer auf die Tränendrüse zu drücken. Leider auch nicht mehr.

Dass bei einem solchen Thema Emotionen eine Rolle spielen, ist selbstverständlich. Die Menschen auf diese Problematik aufmerksam zu machen ist auch wichtig. Keine Frage. Aber darf man deshalb auch nur oberflächlich und manipulativ argumentieren? Fast im Stile einer Boulevard-Propaganda? Da wundert es mich nicht, dass ihr Unterfangen bereits von mehreren Seiten kritisiert wurde. Nicht zuletzt, weil wichtige Fakten fehlen oder falsch dargelegt werden. Außerdem stilisiert sich die Organisation beinahe zur Erlöserfigur für einen Jahrzehnte andauernden Konflikt. Schließlich wüsste sie genau, wie man den Herrn Kony bis Ende 2012 fassen kann. Da kann sich die CIA noch ein Scheibchen von abschneiden!

Falls einige noch nicht wissen sollten, um was es geht, hier eine kurze Info: Gesucht wird Joseph Kony, seines Zeichens Anführer der ugandischen Rebellengruppierung „Lord’s Resistance Army“, kurz LRA. Seit über 25 Jahren treibt diese irreguläre Armee ihr Unwesen; Entführungen, Verstümmelungen, Morde, Vergewaltigungen… also im Prinzip die ganze Palette an Menschenrechtsverletzungen von vorne bis hinten durch und wieder zurück. Grobes Ziel der LRA ist die Errichtung eines Gottesstaates auf den Grundlagen der Zehn Gebote. Frei nach dem Wahlspruch des Landes: „Für Gott und mein Land“. Wozu man dafür jetzt vergewaltigen muss, bleibt mir ein Rätsel, aber der Chef Kony hält sich ja auch für einen Propheten Gottes. Ich denke, über seinen vermeidlichen geistigen Zustand muss ich nichts mehr sagen. Der gehört vor ein Gericht und dann in die Psychiatrie!

So. Und jetzt kommt eben die Organisation „Invisible Children“ ins Spiel, die Gelder für das ugandische Militär und ihren eigenen Hilfsprojekten sammelt und sich außerdem damit rühmt, die US-Politiker überzeugt zu haben, etwas gegen den Mann zu unternehmen. Die Folge: einige hundert amerikanische Militärberater für Uganda. Klingt super von unserer Weltpolizei, oder? Wahnsinn. Wollt ihr wissen, warum ich da meine Bedenken habe?

Punkt 1: Uganda hat seit 1986 dasselbe Staatsoberhaupt. Auch wenn der „Präsident“ bei jeder Wahl bestätigt wurde, kann mir keiner erzählen, dass knapp 70% der Stimmen ein normales Ergebnis ist. Da überrascht es wohl die Wenigsten, dass der Regierung ebenfalls Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Des Weiteren operiert die LRA schon seit einiger Zeit gar nicht mehr auf ugandischem Gebiet, sondern wahrscheinlich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo. Uganda hätte also momentan die Chance, andere Probleme anzugehen, wie Armut, Krankheiten, Bildung, Arbeitslosigkeit und Flüchtlinge aus anderen Regionen und Ländern. Nur sehr wenige Menschen in Uganda halten die Kampagne für sinnvoll und richtig; und das meist auch nur, weil das Land und seine Probleme so wenigstens weltweit Beachtung finden. Die meisten halten KONY 2012 für eine reine Selbstbeweihräucherung im Stile früherer Kolonialherren. Gut gegen Böse. Weiß gegen Schwarz. Schön, wenn Klischees überall funktionieren.

Punkt 2: Die Konflikte in ganz Zentralafrika. Wo soll man da am besten anfangen? Da muss ich wohl etwas ausholen und vereinfachen, aber ich denke, es wird ein ungefähres Bild der Situation aufzeigen. Falls ihr geographische Lücken habt, schnappt euch einen Atlas. Im Süden grenzt Uganda an Ruanda und Tansania; im Osten an Kenia; im Norden an den Sudan und im Westen an die bereits erwähnte Demokratische Republik Kongo. Fangen wir der Reihe nach an…

Ruanda: Das Land ist nicht erst seit seiner Unabhängigkeit Anfang der 60er Jahre vom Kampf zwischen den Völkern der Hutu und Tutsi geprägt. Am schlimmsten war es 1994, als in knapp vier Monaten über 1 Millionen Menschen, durch die an die Macht gelangten Hardliner, ihr Leben ließen. Auch in Ruanda kann man trotz offizieller Wahlen kaum von einer Demokratie sprechen.
Tansania: Das Nachbarland Ugandas, in dem es verhältnismäßig am harmlosesten zuging in jüngster Vergangenheit. Das Land führte erst 1995, 34 Jahre nach seiner Unabhängigkeit, seine ersten parlamentarischen Wahlen durch.
Kenia: Hier wechselte, seit der erlangten Souveränität 1963, eine Einheitsparteiherrschaft die nächste ab, inklusive politischen Morden und Verfolgungen. Auch die aktuelle Regierung genießt nicht gerade einen guten Ruf.
Sudan: Noch vor der Unabhängigkeit 1956 kam es zum 1. Sezessionskrieg zwischen dem arabischen Norden und dem christlichen Süden des Landes, der bis 72 andauerte. Dazwischen gab es diverse Putsche und Putschversuche. Von 1983-2005 tobte der 2. Sezessionskrieg, der letztes Jahr in die Souveränität des Südsudans führte. Seit 2003 gibt es auch in der westlichen Region Darfur eine separatistische Bewegung. Außerdem wird der Regierung im Norden nachgesagt, dass sie die LRA gegen militärische Hilfe im Süden unterstützt habe.
Kongo: Trotz seiner Unabhängigkeit 1960, blieb das Land zunächst ein Spielball seiner ehemaligen Kolonialmacht Belgien, sowie den neuen Weltmächten USA und UdSSR. Der erste gewählte Ministerpräsident wurde mit der Unterstützung Belgiens und der CIA von Rebellen getötet. Es folgte die längste Diktatur in der afrikanischen Geschichte bis in die 90er Jahre hinein. Durch die Flüchtlinge des Völkermordes in Ruanda kam es 96 zu einem knapp einjährigen Krieg gegen Rebellen und u.a. auch gegen die Nachbarn Uganda, Ruanda und Burundi. Kindersoldaten, Gräueltaten. Von 1998 bis 2003 und von 2007 bis 2009 kam es, vor allem mit den östlichen Nachbarstaaten, erneut zu Kriegen und zu Wechseln der Machtstrukturen. Diverse Milizen und Rebellen kämpfen bis heute im Kongo.

Alles in allem ist die Situation noch komplexer und verworrener, aber die Fluten an Flüchtlingen, die zwischen den Ländern hin und her schwappen, sowie die diktatorischen Regimes und ihre Grausamkeiten lassen dem Gebiet kein Moment des Friedens.
Noch ein Grund?

Punkt 3: Unsere westlichen Bedürfnisse. Die ganze Region ist eigentlich unvorstellbar reich. Unmengen an Bodenschätzen und Ressourcen. Von Edelmetallen, Erzen und Uran, über Diamanten und Erdöl bis zum Tantal. Noch nie gehört? Dann schraubt mal eure Handys oder PCs auf; von mir auch die Playstation. Das Metall ist eines der wichtigsten Bestandteile für die Chips, extrem selten und damit teuer. Das tollste aber ist, dass Tantal nicht wie andere Stoffe auf anerkannten Märkten zu erwerben ist, sondern nur durch private Anbieter auf Verhandlungsbasis! Na, wer riecht den Haken? Richtig! Große Industrieunternehmen kontrollieren die Minen in den Ländern Zentralafrikas. Wie sichert man sich die Kontrolle in einem Krisengebiet? Man unterstützt die ansässigen Militärführer. Schließlich stammen circa 80% der Weltproduktion aus dem Kongo, Uganda usw.

Und jetzt ratet mal, wer Weltmarktführer beim Tantal ist!? Da kommt ihr nämlich nie drauf!
Unsere tolle deutsche Firma BAYER! Gut, selber brauchen sie den Kram nicht, aber über Zwischenhändler lässt sich das zu grandiosen Preisen weiterverkaufen.

Und nun die Amis in der Region. Was die wohl wollen? Noch dazu befinden sich die USA in einem Wahljahr und wenn dann eine Organisation wie „Invisible Children“ mit ihrer Kampagne durch die Massenmedien und sozialen Netzwerke solch einen Zulauf bekommen, wäre es ja geradezu töricht, als Amtsinhaber nicht darauf einzugehen. Klar stimmt Obama zu, den LRA-Führer Kony zu beseitigen. Hat bei Bin Laden ja auch schon hervorragend funktioniert. Gute Werbung, wenig Kosten und mit Glück ein Standbein in einer reichen Region. Da geht es um Interessen, oder warum sonst steht Kony z.B. erst seit 2005 auf der Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofes?

Selbst wenn sie Joseph Kony wirklich verhaften, töten oder was auch immer; was dann? Als ob nicht einfach jemand anders die Führung übernehmen könnte. Als ob es nicht andere Rebellengruppen, Banden und Milizen gäbe, die nur darauf warten, einen Konkurrenten weniger im Kampf um Macht und Ressourcen zu haben. Was wenn sie ihn nicht finden? Militärische US-Expeditionen in das Herz Afrikas? Als ob die Menschen dort nicht schon genug Sorgen hätten.

Die LRA hat Uganda schon vor Jahren verlassen. Der Traum eines Wahnsinnigen musste der Realität einer Konsumwelt weichen. Geld regiert die Welt. Und die „Invisible Children“, deren Spendeneinnahmen ohnehin nur zu einem Bruchteil in Uganda ankommen. Wie ich Möchtegernweltverbesserer verabscheue! Sollen sich die Chefriege der Organisation und ihr Regisseur Jason Russell getrost weiterhin mit Waffen posierend fotografieren lassen. So viel dazu.

Aber solange es „Invisible Children“ gelingt, mit welchen Mitteln auch immer, Prominente, aus welchem Grund auch immer, dazu zu bringen, die Aktion zu unterstützen, folgen ihnen die Massen auch weiterhin wie brave Herdentiere zur Schlachtbank.

Dann blökt, muht, twittert und schreibt weiter SMS. Merkt euch nur zu welchem Preis.

Nawatakia siku njema!

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