Alle Bildung beginnt mit dem Gehorsam

Momentan sitze ich täglich mehrere Stunden an meinem Schreibtisch und durchforste Bücher nach wichtigen Informationen. Richtig, es ist gerade vorlesungsfreie Zeit (nicht etwa Semesterferien, wie manche es fälschlicherweise nennen) und ich muss Hausarbeiten verfassen. Das Schreiben selbst fällt mir relativ leicht und macht Spaß, aber das Lesen des zigsten Buches mit demselben Thema schlaucht irgendwann.

Während ich also so da sitze, schweifen meine Gedanken hin und wieder etwas ab und ich lande unweigerlich bei so Themen wie Studiengebühren, Rückmeldungsfrist, Bachelor und Magister. Ausnahmsweise habe ich es dieses Semester tatsächlich geschafft mich rechtzeitig zurückzumelden, also ohne die zehn Euro Straf-Extra-Bearbeitungs-Gebühr zu zahlen. Klingt jetzt nicht sonderlich schwer, aber man muss sich schon selbst durch die tiefen Schluchten der Hochschulbürokratie kämpfen, bevor man an solch wichtige Informationen gelangt.

Vielleicht ist es ja nur an meiner Universität so, aber ich habe das Gefühl, dass wenn hier irgendwas entschlossen wird, Wahlen stattfinden oder andere, eigentlich wichtige und öffentliche Ereignisse anstehen, kein Mensch etwas mitbekommt. Ich würde ja vermuten, dass die grauen Eminenzen an der Spitze des Lernbetriebes Angst haben, sich ähnlichen Protesten und Demonstrationen gegenüber zu sehen wie bei der Einführung der Studiengebühren. Aber davor war es nicht besser.

Als ich angefangen habe zu studieren, durfte man sogar noch im Gebäude rauchen. Für mich als Nichtraucher zwar weitestgehend uninteressant, aber es hatte was Erwachsenes, ja geradezu Rebellisches. Vor allem in Anbetracht meiner Schulzeit mitten im Nirgendwo, mit teils unfähigen, dilettantischen und strafversetzten Lehrern, die einem stets versuchten ihre eigene Weltordnung aufzuerlegen. Die Universität war für mich also fast so etwas wie das Eintreten in eine neue, schöne Welt.

Hatte ich mir so gedacht. Um überhaupt durch den ganzen Uniapparat durchzublicken, muss man schon Zeit investieren. Als Anfänger oder Ersti hat man einige Hürden zu bewältigen, angefangen mit der sehr, sehr umfangreichen Einschreibung. Aber irgendwann hat man sein Stundenplan mühsam zusammengestellt und freut sich auf Erleuchtung. Doch nach nur einem Semester wurden mit den Rauchern auch die Lockerheit nach draußen verbannt. Jetzt hieß es Anwesenheitspflicht bei jedem Kurs. Fehlt man mehr, als zwei Sitzungen kann man gleich daheimbleiben, denn man wird auch mit einer fehlerfreien Klausur oder perfekten Hausarbeit kein Schein mehr bekommen.

Vielleicht war das der erste Warnschuss, in welche Richtung es mit den Hochschulen gehen sollte. Schließlich wurde der Bachelor eingeführt. Beim sogenannten Bologna-Prozess, also in der Stadt mit der ältesten Universität der Welt, entschieden sich die Bildungsminister einiger europäischer Länder dafür, das Hochschulwesen zu vereinheitlichen und zu standardisieren. Super Idee und blanke Ironie! Vor allem bei der grandiosen Bildungspolitik in Deutschland. Da kann doch jedes Land machen, wonach ihm gerade die Lust steht. Man siehe Studiengebühren. Dafür noch mal danke liebe Union.

Also: Bacheloreinführung mit den Zielen Mobilitätsförderung, internationale Wettbewerbsfähigkeit und späterer Beschäftigungsfähigkeit und gleichzeitig Studiengebühren. Ich weiß ja nicht auf welche Baumschule die werten Herren ihre Ausbildung genossen haben, aber ein Studium, das einen zwingt, bis zu zwölf Stunden am Tag zu lernen, unzählige Leistungspunkte zu sammeln, sprich viele Seminare zu besuchen und eine finanzielle Belastung von 500 € mehr im Halbjahr, ist meines Erachtens nach eher kontraproduktiv. Man hat ja keine Zeit, sich die nötigen Brötchen zu verdienen. Von Hobbys mal ganz zu schweigen. Wie heißt es in einer aktuellen Kampagne, mit dem Versuch diesen Fehler schön zu reden? 15% mehr Studiengänge, 100% Leistungsbewertung, 20% schneller, 100% ab dem ersten Tag – unterm Strich 235% „Ja“ zum Bachelor. Ganz ehrlich? Die gehören verprügelt! Mit einem schweren Bergbaugerät oder vergleichbar schwerem! Wen wundert es da, dass laut Studien jeder dritte bis vierte Student sein Studium abbricht? Wer es sich überhaupt leisten konnte zu studieren. Zwar sind die Studiengebühren in fast allen Bundesländern wieder abgeschafft, aber der Druck und die Überforderung bleiben. Konfuzius hat es auf den Punkt gebracht: Bildung kennt keine Standesunterschiede. Dummheit leider auch nicht.

Nehmen wir als Beispiel mein erstes Hauptfach Sinologie: Früher hatte man locker bis zu 14 Semester Zeit, um drei Sprachen zu lernen (Japanisch, klassisches und modernes Chinesisch; glaubt mir, es sind zwei verschieden Sprachen!) und jede Menge Seminarscheine zu sammeln, insgesamt zwischen 16 und 20 Scheine. Meinem Wissen nach, fast doppelt so viel wie in anderen Fächern, von den Sprachen mal ganz abgesehen. Und wie ist es heute? In gerade einmal sechs Semestern sollen Studenten exakt dasselbe leisten! Erst zu letztem Wintersemester wurde Japanisch gestrichen, was zugegebenermaßen eine große Entlastung darstellt. Aber das heißt noch immer mindestens drei Klausuren oder Hausarbeiten pro Semester nur für das Hauptfach.

Außerdem muss ich mich noch persönlich für den Blödsinn bedanken, denn ich bin noch Magisterstudent und gehöre sozusagen einer aussterbenden Art an. Denn die Universitätsleitung hat beschlossen, dass ab 2013 der Magisterabschluss abgeschafft wird. Erfahren habe ich davon nur zufällig, weil ein Kommilitone es irgendwo gelesen hat. So viel zum Thema Transparenz und Bildungsfreundlichkeit.

Und somit schließt sich der Kreis für mich, denn ich sitze hier und schreibe wie ein Wahnsinniger, damit ich all meine Scheine bis nächstes Jahr zusammenbekomme. Sonst war alles umsonst und den Bachelor will ich nicht!

Wie heißt es groß an der Fassade meiner Universität: Die Wahrheit wird euch befreien. Und nur die; nicht die Arbeit!

Niemals!

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