Wir feiern nicht! Wir eskalieren!

Allen ein frohes neues Jahr!
Der Kater schon wieder weg, ja? Gut. Und auch wieder Vorsätze vorgenommen? Ich mache das nie, da ich sie erfahrungsgemäß ohnehin nicht einhalten werde. Aber falls es noch jemanden gibt, der sich gern eine solche Bürde auferlegen würde… da hätte ich einen Vorschlag.

Sich in Kneipen, Diskos und ähnlichen Etablissements zu benehmen!

Zugegeben, es ist eher ein Problem, das die Jugend betrifft, und vielleicht bin ich auch etwas voreingenommen, da ich in einer Studentendisko arbeite. Dennoch glaube ich, dass es auch für Außenstehende interessant sein könnte zu erfahren, was für Gedanken man Abend für Abend aufgezwungen bekommt. Und ich versichere euch, dass ich da nicht alleine bin!

Das Dilemma beginnt bereits am Eingang, wo die Türsteher versuchen, einigermaßen die Ordnung zu wahren. Da wir von der Stadt angewiesen wurden, vor dem Laden für Ruhe zu sorgen, müssen unsere Jungs hin und wieder eine Bitte zur Ruhe aussprechen oder kurz mit dem Finger am Mund das wohlbekannte „Pssst“ zischen. Und was machen viele Gäste? Sie schreien aus Prinzip noch lauter oder fangen an, die Türsteher nachzuäffen.
Richtig interessant sind auch die Sprüche und Argumente, die man sich anhören muss, wenn hin und wieder ein Besucher nicht hinein gelassen wird, weil er schon betrunken ist, vor der Kneipe rumgepöbelt hat oder weil er einfach noch nicht volljährig ist. Jetzt mal für alle: Mit Türstehern zu diskutieren hat noch nie, ich wiederhole, noch nie funktioniert! Also wieso versucht man es immer und immer wieder, zumal es für jeden Außenstehenden vollkommen logisch ist, weshalb man nicht rein gelassen wird. Da können sich unsere Gäste noch glücklich schätzen, dass unsere Türsteher selbst Studenten sind und nicht gleich ausrasten, wie anderswo. Aber vielleicht ist auch genau das der Grund. Ist auch egal: lasst es einfach. Auch die Debatte, ob der Eintritt zu zahlen ist oder nicht und wenn ja, wie viel… einfach unnötig. Unser Eintritt, den wir übrigens auch nur am Wochenende verlangen, kostet 2 Euro. Muss ich dazu noch was sagen?!

Drinnen nimmt das Elend dann seinen Lauf. Ein freundliches „Hallo“ von unseren Gästen ist mittlerweile so selten zu hören, wie die Wahrheit von Politikern. Die meisten stürmen an den Tresen und befehlen uns, ihren Trinkwünschen unverzüglich nachzukommen. Und dafür gibt es viele interessante Methoden.

Variante 1: Pfeifen. Laut, schrill, unangenehm und immer erfolglos. Wir sind schließlich keine Hunde! Dieser Gast wird sich gedulden müssen. Dann hat er wenigstens Zeit sich was Neues auszudenken und zu überlegen, was er überhaupt trinken möchte.

Variante 2: Das kurze und prägnant geschriene „HEY“. Meist fuchteln die Vertreter dieser Art noch wie wild mit den Händen. Im Prinzip sind die Folgen wie die oben bereits beschrieben. Ein nettes „hey“ würde man ja durchgehen lassen; auch als Begrüßung.

Variante 3: Das weitverbreitete „Chef“ oder „Meister“. Okay, das ist jetzt vermutlich für viele überraschend, da diese beiden Worte allem Anschein nach schon seit Jahrhunderten dazu missbraucht werden, um in einer Kneipe den Wirt anzusprechen. Aber wir hassen es. Wirklich. Ich kenne keine Thekenkraft, die darauf positiv reagieren würde. Ich bin weder Koch noch arbeitet der Gast für mich. Auch ist er nicht bei mir in der Ausbildung oder ich ein Jedi-Ritter; leider, aber das ist ein anderes Thema.

Variante 4: Anstupsen bzw. Anlangen. Ganz ehrlich, wer lässt sich gern von einer wildfremden, angetrunkenen und allem Anschein nach stressigen Person begrabschen? Immer toll wenn man gerade einige volle Gläser in der Hand hat und abrupt ausgebremst wird, weil dich jemand am Arm festhält. Da zweifel ich manchmal nicht nur an der Intelligenz der heutigen Jugend… sondern an der Menschheit.

Ist die stressige „Kommunikation“ erst mal hergestellt geht’s aber weiter. Denn meist ist das wilde Gestikulieren nur dafür da, dass dann als erstes gefragt wird, was denn das billigste Getränk ist oder die Höchststrafe für Theker, gleich ein Leitungswasser bestellen. Versteht mich nicht falsch, die Gäste bekommen ihren Wunsch erfüllt, aber wenn der Laden voll ist und 50 Leute gleichzeitig etwas möchten, nein wollen, dann hält so was nur auf und wir verdienen auch nichts.

Dann kommen die Momente, in denen ich mir wünsche, wir würden auch Batteriesäure ausschenken (das Patent habe ich bereits beantragt…)! Man stellt die bestellten Getränke auf den Tresen, sagt, wie viel man dafür bekommt, und dann wird erst mal blöd aus der Wäsche geschaut. Regelmäßig gibt es Kunden, die sich bei uns über die Preise beschweren und/oder den Selbigen drücken möchten. Ich fasse zusammen: Gäste, die sich über ein großes Bier beschweren, dass 3,20 Euro kostet. Gäste, die vorschlagen, ihr Bier stattdessen für 2 Euro zu bekommen. Gäste, die meinen etwas umsonst zu bekommen. Warum? Weiß der Weingeist.

Also: Wir machen nicht die Preise. Wir arbeiten nur in der Studentendisko. Außerdem sind wir nicht auf dem Basar; unser Arbeitgeber fällt die Entscheidungen. Im Supermarkt feilscht man doch auch nicht, oder?!?! Und wir geben durchaus mal was aus oder trinken einen Schnaps mit, aber das machen wir aus freien Stücken oder, wenn wir eingeladen werden, bei netten Gästen. Und damit meine ich nicht, dass diese zuvor Unsummen an Trinkgeld gegeben haben. Einfach Gäste die Manieren haben und wissen, wie man sich benimmt.

Wo wir gerade bei Trinkgeld, ergo Rückgeld sind. Warum muss man denn blöde Witze reißen, wenn man das Geld zurückbekommt oder zahlt? Zum Beispiel auf den Cent genau und dann kommt das obligatorische „Passt so“. Ach was du nicht sagst… Der Klassiker beim Bestellen ist übrigens „Lass mal die Luft raus“.

Dann gibt es noch die Spezialisten. Das sind die Gäste mit den Extrawünschen. Hier eine Liste der gängigsten Dialoge, die ich mindestens zweimal die Woche führe:

Gast: Ich nehm‘ zwei Tequila!
Ich: Silber oder Gold?
Gast: Gibt‘s da nen Unterschied?
Ich: Du meinst bis auf die Farbe? Jaaaa.
Gast: Dann nehm‘ den Billigeren!
Ich: Das ist das Einzige, dass gleich ist.
Gast: Boaahhh… keine Ahnung…
(Das geht dann 5 Minuten so. Am Ende wird doch etwas völlig anderes bestellt.)

Gast: Einen Cuba Libre!
Ich: Okay! Mit welchem Rum?
Gast: Egal. Aber ohne Cola und Limetten.
Ich: ???
Gast: Ja mit Fanta und Maracujasaft schmeckt der viel besser!
Ich: ???????????????????????
(Das sind die mit dem Sodbrennen und Magenbeschwerden am nächsten Tag. Hoffe ich zumindest.)

Gast: Hey, mach mir mal nen Wodka-Bull. Aber da kann ruhig mehr Alk rein!
Ich: Alles klar. Der kostet dann aber auch etwas mehr.
Gast: Wieso das denn?!?!
(Alternativen sind: „Mach den stärker als den Letzten!“ oder „Da ist viel zu wenig Alk drin!“. Das sind dann aber immer auch diejenigen, die als erstes schlappmachen. Hauptsache große Klappe.)

Vor einiger Zeit hatte ich auch jemanden, der sich einen Caipirinha bestellte, ich aber so modifizierte, dass am Ende im Prinzip ein Mojito dabei heraus kam.
Und wenn sich dann eine Gruppe zusammentut, um nach halbstündiger Beratung lediglich 2 Bier für 6 Leute zu bestellen, die auch geteilt werden, dass Zahlen noch mal so lang geht, weil ja alle zusammenlegen und mir dann mit süffisantem Lächeln ein Berg roter Münzen auf den Tresen legen… ja das sind die Momente, in denen ich ernsthaft über Axtmord nachdenke.

Auch wenn es jetzt vielleicht so rüber kommt, aber ich hasse den Job nicht. Ganz im Gegenteil. Er macht mir wahnsinnig Spaß und ich arbeite mit einem unglaublich tollen Team zusammen. Auch der Großteil der Gäste ist nett. Aber es wird immer schlimmer, je jünger die Gäste werden. Und die bleiben einem nun mal im Gedächtnis. Wird den jungen Menschen heute nicht mehr beigebracht, wie man sich benimmt? Man zündet keine Getränkekarten an! Und wenn einem nett gesagt wird, er soll bitte aufhören, sein Bier überall und absichtlich auszuschütten, dann fängt man nicht an angepisst herum zu diskutieren! Ein „Bitte“ bei der Bestellung und ein „Danke“ beim Entgegennehmen würden mir meist schon reichen.

Ich hoffe, das hilft den Angesprochenen mich bzw. uns etwas zu verstehen. Im Restaurant, Café oder jedem anderen Dienstleistungsbetrieb benimmt man sich doch auch. Und den Alkohol als Ausrede lasse ich euch nicht durchgehen. Erstens sind viele noch nüchtern, wenn sie sich schon daneben benehmen, zweitens, merkt man, wenn ein gewisser Pegel erreicht ist, und könnte ja einfach aufhören zu trinken. Gäste, die durch Silberblick bestechen, aber noch cool an der Theke hängen bzw. sich festhalten, bekommen von uns ohnehin nichts mehr.

Der Vorsatz für 2012 heißt also: Geht feiern, genießt das Leben, aber lasst euer schlechtes Betragen bitte zu Hause. Dann feiere ich auch mit. Danke!

Prost und zum Wohle!

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