Das Relativitätsprinzip der Bahn

Seit Einstein wissen wir, dass Zeit relativ ist. Das nennt man Zeitdilatation. Irgendwie müssen jetzt die Zuständigen der Deutschen Bahn im Laufe der Jahre diese Theorie erweitert und fortgeführt haben. Anders kann ich mir diese Anhäufung von Verspätungen nicht erklären. Nach der Relativitätstheorie altert man in Bewegung langsamer, ergo ist die Umkehrung, wer lange rumsteht, wird schneller sterben, was vermutlich jeder Bahnkunde bestätigen kann.

Für die meisten meiner Reisen habe ich bisher die Dienste des besagten Unternehmens in Anspruch genommen. Und entweder macht es die Deutsche Bahn mit voller Absicht, um mich in den Wahnsinn zu treiben, oder ich habe irgendwas an mir, dass Zeit und Raum dehnt. Aber schön der Reihe nach.

Im August 2008 ging es mit dem Nachtzug von Freiburg nach Rom, mit Zwischenstopps in Basel und Bern. Das Dilemma begann schon am Heimatbahnhof, da kurz vor der eigentlichen Abfahrt des Zuges die Durchsage kam, dass dieser mindestens 30 Minuten Verspätung habe. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn es nicht die Anschlusszüge gebe… zum Beispiel der in Bern; also derjenige mit dem Schlafabteil. Das glückliche Ende war, dass es noch einen anderen Zug nach Basel gab, den meine Freundin und ich sofort besteigen konnten. Noch mal gut ausgegangen.

Das nächste unangenehme Erlebnis folgte 2010, als wir Freunde in Köln besuchen wollten. Diesmal klappte anfangs alles. Selbst das erste Umsteigen in Straßburg erfolgte reibungslos. Bis wir in Saarbrücken ankamen und der nächste Zugwechsel auf sich warten ließ. Eine Ansage gab es nicht, nein, ich musste zum Schalter, um nachzufragen, ob und wann denn der Anschluss kommen würde. Mir wurde mitgeteilt, dass der nächste Zug erst in einer Dreiviertelstunde fahren würde. Erste leichte Aggressionen bahnten sich an. Wortwörtlich.
Dann ging es endlich weiter, bis nach Trier, wo wir, aufgrund der vorhergehenden Verspätung erneut warten mussten. Die knappe Stunde konnte wenigstens dahingehend sinnvoll genutzt werden, dass wir uns die Porta Nigra und die Altstadt anschauen konnten. Nach Köln kamen wir dann nur noch mit der Bummelbahn und das knapp drei Stunden später als geplant.

Dieses Jahr ging es dann nach Berlin. Die Hinfahrt verlief reibungslos und ich dachte schon, der Fluch wäre gebannt. Aber es gibt ja noch die Rückfahrt, wo meine Verlobte (ja die Zeit vergeht… egal ob relativ oder nicht…)und ich nur bis Frankfurt kamen, da die Ankunft- und Abfahrtpläne nicht korrekt ausgeschildert waren. Um es kurz zu machen: Wir mussten erneut einige Zeit auf dem Bahnsteig verbringen.

Die kürzeste Fahrt ging diesen November nur bis Karlsruhe, was ziemlich genau eine Stunde in Anspruch nimmt. Das Konzert war fertig und wir beeilten uns, um noch rechtzeitig den letzten Zug zurück zu erwischen. Am Bahnhof angekommen mussten wir feststellen, dass unser Transportmittel gen Heimat circa 50 Minuten Verspätung hatte. Dazu muss man anmerken, dass der Karlsruher Bahnhof recht offen gebaut ist, sprich es war sehr kalt. So kalt, dass wir unsere Zehen und Finger kaum mehr spürten, als wir über eine Stunde später endlich in den Zug stiegen.
Ach ja und nur so am Rande: Ich finde es ohnehin schon eine Unverschämtheit, dass auf öffentlichen Toiletten Geld verlangt wird und man wie in einem Gefängnis durch riesige Metalltüren geschleust wird. Aber wenn dann im November aus dem Hahn nicht mal warmes Wasser läuft… da fiel mir dann auch nichts mehr ein; außer vielleicht der Wunsch, jemanden auf die Gleise zu werfen.

Ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern, wie es bei der Deutschen Bahn zuging, als sie noch nicht privat geführt wurde. Aber wie kommt es, dass gerade in Deutschland, dem Land der Pünktlichkeit, ein öffentliches Verkehrsmittel ständig verspätet ist? In jedem Land, indem ich bisher war, bin ich oft mit dem Zug gereist. In Italien bin ich noch nie zu spät angekommen oder musste irgendwo länger warten. Selbst in China, wo ich zwei Zugreisen unternommen habe, die beide über Nacht gingen und 13 Stunden, respektive 28 Stunden dauerten, kam ich jeweils auf die Sekunde genau an.
In Japan haben nur 7% der Züge im ganzen Jahr eine Verspätung. Und darunter versteht man jetzt nur 1-5 Minuten! Seit neuestem verpflichtet, sich die Deutsche Bahn ihre wohlbehüteten Statistiken der Verzögerungen auch online zugänglich zu machen, um mehr Kundenfreundlichkeit zu garantieren. Etwas mehr Garantie bei der Planung meiner Reisen wäre mir zwar lieber, aber immerhin. Nun, laut dieser Quelle haben etwa 20% aller Züge eine Verspätung vorzuweisen, wobei alles bis 6 Minuten noch als pünktlich gilt! Und es sind alle Zugklassen enthalten, also auch Nahverkehr und Straßenbahnen. Ich würde also nicht gerade auf diese Auswertung vertrauen.

Natürlich ist die Bahn nicht immer schuld daran, wenn ein Zug nicht zur angegebenen Uhrzeit im Bahnhof erscheint. Für Suizide (in den Durchsagen seit einigen Jahren mit dem Euphemismus „Personenschäden“ umschrieben und verschleiert) oder unerwarteten Naturereignissen gibt es nun mal kein Gegenmittel. Aber den Wetterbericht dürfte man doch hin und wieder zu Rate ziehen, wie wäre das? So als konstruktiver Vorschlag? Im Winter sind die Prozentangaben nämlich um einiges schlechter. Auch im Schwarzwald. Winter im Schwarzwald. Was wird da wohl früher oder später passieren? Na klar es wird schneien und darauf könnte man sich durchaus vorbereiten. Oder Bahnhöfe so errichten, dass sie beheizbar sind und man sich rein stellen kann. Und wehe jemand kommt mir jetzt mit diesen kleinen, einem Gewächshaus nicht unähnlichen Glaskonstruktionen, die entweder nach sämtlichen Ausscheidungen riechen, oder von vornherein nicht begehbar sind, weil der elektronische Türmechanismus defekt ist.

Die anderen Argumente bzw. Begründungen der Bahn für die Verspätungen lasse ich nicht gelten! Ganz ehrlich: Wie kann man nicht mit vielen Reisenden rechnen? Man kennt doch den Feierabendverkehr. Spätestens nach einer Woche sollte man das doch unter Kontrolle bekommen. Das Gleiche gilt für die Wartung. Wenn man weiß, dass es länger dauert, dass die Industrie ewig braucht, um zu liefern. Ja dann sollte man sich mehr Züge zulegen. Geld dafür ist sicher vorhanden. Man könnte einfach einige Prestigeprojekte erst mal auf Eis legen oder den Vorstand ein paar Millionen weniger zahlen. Aber ich bin mir sicher, die Bahn wird da nach dem Motto handeln: Kommt Zeit, kommt Zug… oder so.

Wenn Einstein damals schon die Deutsche Bahn gekannt hätte, würde ich zumindest verstehen, wie er zu seinen Gedanken gekommen ist. Aber vielleicht hat er auch ein Wurmloch gefunden, durch das er in die Zukunft reiste und so selbst einige Erfahrungen mit dieser Gesellschaft machen durfte.

Aber das ist nur meine Theorie.

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